Montag, 5. März 2012

Fünf Workshops, März-Oma und die Unabhängigkeit


Heute gibt's mal wieder etwas mehr zu berichten. Fast die ganze letzte Woche war ich unterwegs, erst in Silistra, dann in Schumen, und schließlich war ich wieder zurück in Sofia. Insgesamt habe ich fünf Colored-Glasses-Workshops durchgeführt, drei Mal „Just do it!“, bei dem es um Diskriminierung geht, und zwei Mal „Unterschiede“ mit dem Thema Stereotype und Vorurteile.


Am Dienstag bin ich um 5 Uhr aufgestanden, um noch Klavier zu üben (das ist mal Einsatz, was), bevor ich den Bus um 8:30 Uhr nach Silistra genommen habe. Die Fahrt dauerte so siebeneinhalb Stunden, wogegen ich eigentlich nichts gehabt hätte, ich mag Bus fahren, aber neben mir saß ein furchtbar nerviger älterer Herr, der darauf bestand, mich auf Bulgarisch zuzulabern und bei jedem zweiten Wort gefragt hat, ob ich das auch verstehe, und wenn nicht, es mir erklären bzw. in meinem Wörterbuch nachschauen wollte. Eigentlich ist das ja auch ganz nett, aber ich war müde und wollte eigentlich nur schlafen oder vielleicht ein bisschen Musik hören. Aber selbst, als ich mit geschlossenen Augen, den Kopf an die Scheibe gelehnt, da saß, hat der Herr mir noch erzählt, wie dieser und jener Ort heißt und was für Fabriken es da gibt etc. pp. Na ja, immerhin hat er mir Salzstangen gekauft, also danke dafür.


Das Hotel war auch ganz nett und die Vorbesprechung lief auch ganz gut; ich hatte noch vier andere Teamer aus Varna bzw. direkt aus Silistra da. Danach sind wir noch essen gegangen und haben uns für den nächsten Morgen verabredet, zusammen zur Schule zu gehen. Der Workshop fing dann überraschenderweise statt um 9:40 Uhr erst um 11:50 Uhr an, sodass wir noch jede Menge Zeit hatten. Und dann ging es los: 13 Neuntklässler mit mehr oder minder großer Motivation betraten das Zimmer. Die anderen 13 sollten ganz normalen Unterricht haben... schade. Aber ich denke, unsere Gruppe hatte trotzdem Spaß und wird den Workshop ihrer Lehrerin gegenüber positiv erwähnen.




Mit Schulklassen zu arbeiten, und dazu noch mit bulgarischen, ist noch einmal ganz anders als die AGs auf YFU-VBTs. Ein Aspekt ist natürlich die Sprache; die Schüler, vor allem die jüngeren, kennen viele Ausdrücke einfach noch nicht und haben deshalb Probleme, zu sagen, was sie wollen. Ein größeres Problem ist natürlich, dass sie oft Angst haben, sprachliche Fehler zu machen, und deshalb manchmal lieber gar nichts sagen. Sie kennen es eben, ständig korrigiert zu werden... und wenn dann noch der Lehrer bzw. die Lehrerin in der Ecke sitzt und sich dezent räuspert, wenn es Schüler „Es hat mir gefällt...“ sagt, wird es noch schwieriger, spontane Äußerungen aus den Schülern zu bekommen. Außerdem ist diese Methode der freien Diskussion sowieso noch nicht sehr bekannt in Bulgarien; hier findet man eher monologisierende Lehrer vor, die aufpassen, dass ihre Schüler sich Notizen machen und sie gegebenenfalls abfragen. Und korrigieren. Ob man so mündige, eigenständig denkende Bürger erzieht?


Wie auch immer, abends haben wir uns dann noch die „Stadt“ angesehen. Es gibt immerhin einen Fernsehturm und eine alte Festung auf einem Hügel außerhalb der Stadt. Auf dem Rückweg sind wir dann mehr heruntergerutscht als -gelaufen; es war sehr glatt.


Und dann war der erste März und damit Баба Марта! Das ist ein Brauch zum Begrüßen des Frühlings. An diesem Tag schenkt man seinen Freunden, Verwandten, Kollegen und Bekannten rotweiße Armbänder (von denen hatte ich ja schon letzte Woche geschrieben). Ich habe welche von meinen Mitteamern und von einer Lehrerin bekommen und selbst jede Menge verschenkt. Die nächsten Workshops waren jedenfalls auch ganz okay, wobei die eine Klasse, die eigentlich am besten sein sollte (in der 11. und sich auf ein besonderes Diplom vorbereitend) dann am stillsten war... schon witzig. Es kommt schon sehr auf den Klassenverband an – in manchen vertrauen sich die Schüler gegenseitig und haben deshalb auch keine Angst, sich zu blamieren, in manchen eben eher nicht.


Nachmittags waren wir noch Pizza essen; am nächsten Morgen sind wir früh aufgestanden und um 6:30 Uhr nach Schumen gefahren, wo wir nachmittags noch zwei Workshops geplant hatten, ein Mal „Unterschiede“ mit zwei Gruppen aus der 10. Klasse und „Just do it!“ mit einer Gruppe aus der 11. Klasse. Der erste Workshop war eigentlich eine ziemliche Katastrophe; wir hatten eine geteilte Gruppe und die Schüler aus einer davon haben sich beschwert, dass die anderen zwei Muttersprachler hatten und sie keinen – ich hatte eigentlich mehr daran gedacht, dass die andere Muttersprachlerin diesen Workshop noch nie gemacht hatte und ich eben schon. Aber gut, wir haben eben noch ein bisschen getauscht. Die Schüler haben dann lieber gar nichts gesagt... und wir konnten nur verzweifelt versuchen, irgendetwas aus ihnen herauszubekommen. Irgendwie ging es dann, aber besonders zufrieden war ich am Ende auch nicht.


Danach lief der zweite Workshop, mit sechs Teamern und 15 Schülern, wirklich gut. Richtig, richtig gut. Es war unglaublich. Endlich habe ich mal in einem Colored-Glasses-Workshop erlebt, dass eine Schülergruppe so richtig geflasht war. Sie sind fast von selbst auf so tolle Ideen bekommen, und auch so schnell, dass wir am Ende noch Zeit für ein weiteres Spiel hatten. Dessen Moral war „Unser Denken hat gewisse Grenzen, denen wir uns bewusst sein müssen“. Und ganz von selbst kamen die Schüler auf Ideen wie „Grenzen haben ja auch was Positives“ und „das menschliche Leben ist ja auch begrenzt“ und „es ist ja wie bei Schengen!“ Wow, Leute. Einfach wow.






Am Samstag war der bulgarische Unabhängigkeitstag! Ich habe allerdings nichts Besonderes gemacht, außer „Обичам България!“ bei Facebook zu posten.


Und dann noch ein paar Gedanken und Beobachtungen zur bulgarischen Kultur. Letzte Woche hatte ich ja über Armut geschrieben, und am Samstag hatte ich passend dazu ein sehr einprägsames Erlebnis. Ich wollte einkaufen gehen und unterwegs noch Altpapier wegwerfen. Vor den Containern stand eine ältere Frau mit ein paar Tüten und einem Stock und spähte hinein. Ich habe den Altpapiercontainer geöffnet und wollte das Papier hineinwerfen, aber sie fragte mich, ob es Papier sei, und als ich „ja“ gesagt habe, meinte sie, „gib es mir“. Und „wirf es einfach auf den Boden.“ Ich habe mich also hingehockt und es ihr gegeben... total traurig. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte.


Ist jemandem von euch schon mal aufgefallen, wie dünn die ganzen Bulgaren sind? Okay, vor allem Bulgarinnen. Wow. Wie machen die das? Vor allem, weil diese Drei-Gänge-Menüs hier immer noch total in Mode sind. Ein Salat vor der Pizza ist Pflicht, und dann vielleicht noch ein Crêpe im Anschluss. Und davor wenigstens die Hände mit einem feuchten Tuch abwischen, wenn man sich nicht richtig die Hände waschen kann. Okay, irgendwie unhygienisch, das zuzugeben, aber in Deutschland machen das die wenigsten. Wobei diese Beobachtung sich eigentlich nur auf die Leute bezieht, mit denen ich die Woche zusammen war.


Noch etwas, das mir aufgefallen sind: Gastfreundschaft. Was ist Gastfreundschaft für euch, meine deutschen Leser? … So wie ich das mitbekommen habe, ist die Idee von Gastfreundschaft in Bulgarien etwas anders. Der Gast in Bulgarien darf – nein, muss – etwas mitbringen, und darf (muss?) sich dann hinsetzen und die bepantoffelten Beine hochlegen und nichts tun. So! Das ist zwar ganz okay und verständlich und akzeptabel, wenn es sich um Erwachsene und Geschäftspartner oder so handelt, aber wenn Teenager so etwas machen, wirkt es für mich irgendwie seltsam. Na ja. Not better, not worse, just different, right?


Viele Grüße,
Kathi

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