Montag, 27. Februar 2012

Eine ganz normale Woche... und ein paar Erkenntnisse

Hallo ihr Lieben,

am Samstag habe ich mit Freunden Мартеници gebastelt. Sehr lustig und lehrreich, sowohl im sprachlichen als auch im handwerklichen Bereich. Vielleicht sollte ich doch mal mit Stricken anfangen...

Gestern habe ich mit vier anderen Deutschen an einer Free Sofia Tour teilgenommen, was auch sehr interessant war, und etwas beschämend, weil ich schon bald sechs Monate hier lebe und trotzdem so gut wie nichts von den geschichtlichen Ereignissen wusste, die unsere Führerin uns erzählt hat. Also, falls ihr mal nach Sofia kommen solltet, lohnt sich das auf jeden Fall. Es kostet euch nur zwei bis drei Stunden eurer Zeit, und wenn ihr wollt, könnt ihr etwas spenden -- ansonsten ist es aber, wie der Name schon sagt, kostenlos.

Da in dieser Woche sonst nichts besonders Spannendes passiert ist, schreibe ich mal ein bisschen darüber, was ich in Bulgarien hier so gelernt habe.

Mir ist klar geworden, dass ich wirklich Glück im Leben gehabt habe und immer noch habe. Okay, auf einer gewissen Ebene wusste ich das wohl schon, aber hier wird mir direkt vor Augen geführt, in welchen Verhältnissen manche Menschen leben müssen... Menschen, die sich sinnvolle Sachen aus den Mülltonnen angeln oder alte Leute, die sich keine orthopädische Behandlung leisten können und im Schneckentempo durch die Straßen humpeln.

Aber es sind nicht nur die grundlegenden Dinge wie eine Wohnung oder genug Geld für Lebensmittel. Auch Kleinigkeiten, die für mich in Deutschland ganz selbstverständlich waren, werden hier nicht einfach vorausgesetzt. Ein, zwei oder sogar drei Autos für eine Familie. Ein eigenes Haus. Unbegrenztes heißes Wasser aus dem Wasserhahn. Die Heizung so weit aufdrehen, wie man mag. Am Wochenende ins Kino gehen, oder in ein Restaurant. Nicht jeden Groschen (sagt man das so?) zwei Mal umdrehen müssen, ehe man sich einen Kochtopf kauft.
Versteht mich nicht falsch, mir fehlt es hier an nichts, ich gehe auch ins Kino, aber ich bekomme ja mit, wie z. B. eine Bekannte nicht zum Arzt geht, weil es zu teuer ist, oder wie eine Freundin von mir sich die Konzertkarte (20 €) für ihre Lieblingsband nicht leisten kann - und das auch innerhalb der nächsten Monate nicht wird. Familien schlafen mit Mützen und Jacken, um Heizkosten zu sparen (allerdings nicht der Großteil). Besonders fällt mir der Kontrast zu den USA auf. Auf Facebook kann ich ja sehen, was die Menschen aus meinem Austauschjahr sich so denken. Und wenn ich dann sehe, wie eine 17-Jährige, die noch zur Schule geht und kein eigenes Geld verdient, von ihrem Traumauto schreibt und "I WANT, I WANT" und "morgen holen wir es ab"... dann verziehe ich schon mal das Gesicht und frage mich, ob sie weiß, was für ein Glück sie hat. Es gibt ja jetzt diese Bewegungen à la "The Other 98 %" und "Occupy Wall Street" und Konsorten. Aber selbst diese 98 % sind im Vergleich zu Menschen in anderen Ländern -- nicht unbedingt nur in Bulgarien -- immer noch unglaublich gut dran. Ein Beispiel: US-amerikanische Websites über Spartipps empfehlen, weniger in Restaurants zu essen und vielleicht sogar mal zu Hause zu kochen, zu überlegen, ab und zu öffentliche Transportmittel zu nutzen oder sich Filme online auszuleihen, statt ins Kino zu gehen. Bulgarische Seiten wie diese habe ich noch nicht entdeckt, aber was manche hier machen, um Geld zu sparen: Bohnen essen, weil die sehr billig sind, laufen statt Bus fahren, und Filme semilegal und für umsonst herunterladen (wobei ich das durchaus begrüße).
Einer meiner Facebookfreunde schreibt sehr oft über Gehaltskürzungen einer bestimmten Berufsgruppe in Florida. Neulich habe ich einen Post gesehen, in dem er den Wunsch ausgedrückt hat, sich ein neues Gerät der Unterhaltungselektronik zu kaufen, gleichzeitig aber bedauert hat, dass er ein anderes Teil reparieren lassen muss... wow. Wenn hier eine Waschmaschine kaputt geht, hast du möglicherweise echt ein finanzielles Problem. (Wenn du eine Waschmaschine hast. Drei meiner Mitfreiwilligen haben keine eigene und waschen per Hand bzw. bei Freunden.)

Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass es sehr spät ist und ich mich daher möglicherweise nicht so ausgedrückt habe, wie ich wollte; das sind alles nur meine Eindrücke und die deutschsprachigen Bulgaren unter euch (ich weiß, dass ihr mitlest) finden vielleicht einige Dinge, bei denen sie WTF denken oder die sie sogar als schlicht falsch empfinden. In dem Fall könnt ihr mir gern eine Nachricht schreiben... ich lerne gern dazu. Die Moral ist jedenfalls: Seid dankbar für das, was ihr habt, und don't take shit for granted!

Da ich den Blogpost nicht in einer so ernsten Stimmung beenden will, kommt hier ein Foto von dem Igel mit leichtem Hitzeschlag, den ich im letzten Sommer aufgepäppelt habe:


Süß, oder? Ich habe sie Roxy genannt.

Alles Liebe,
Kathi

Montag, 20. Februar 2012

Neue und alte Freunde


Diese Woche habe ich ein paar sozialere Dinge gemacht, als nur zu Hause zu sitzen und fernzusehen (auf den zwei Kanälen ist das sowieso nicht besonders unterhaltsam).

Am Dienstag war ja bekanntermaßen Valentinstag und das Französische Institut hat deswegen einen Film gezeigt, „Les Chansons d'Amour“. Es war eine sehr interessante Erfahrung, einen Film auf Französisch mit bulgarischen Untertiteln zu sehen... vor allem, da ich keine der Sprachen so richtig kann. Danach hatte ich Kopfschmerzen, aber das war's mir wert.

An der Garderobe hat mich irgendein Mädchen angesprochen, ob ich von CouchSurfing sei (die hatten ebenfalls eine Valentinstagsveranstaltung organisiert, aber ich hatte mich dann stattdessen für den Film entschieden). Ich bin dann noch mit ihr und ihren Freundinnen zu diesem Treffen gegangen, es war aber nicht sooo super. Ich bin eben kein Partymensch; in solchen Klubs kann man außer trinken, rauchen und tanzen nicht viel machen, und keine dieser Tätigkeiten macht mir besonders viel Spaß.

Irgend so ein Typ hat dann vorgeschlagen, Karaoke singen zu gehen, und weil ich das noch nie gemacht hatte und mir das spannender vorkam als noch eine Stunde dort in der Gegend herum zu stehen, bin ich mitgekommen. Die Suche nach einer passenden Bar hat dann allerdings ebenfalls eine gute Stunde in Anspruch genommen... und dort haben wir auch nicht gesungen, weil kein Platz mehr war. Alles in allem recht enttäuschend, aber wie sagt man so schön? „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“

Am Mittwoch stand wieder eine gesellschaftliche Aktion an: Unser neuer Freiwilliger aus Mexiko, P., kam mit seinem Vater in Sofia an. Sie wollen sich erst mal zwei Wochen lang den Balkan ansehen, ehe seine Arbeit hier beginnt. Bis Samstag waren sie hier, jetzt sind sie in Istanbul. Das Abholen an sich war etwas chaotisch, aber witzig: Erst hat P.s Vater einen Koffer im Flughafen stehen lassen (gut, dass wir nicht in London waren, sonst wären die Sachen wohl in die Luft gesprengt worden), sich dann lautstark darüber gewundert, wie die Menschen hier trotz der Kälte einfach so herumlaufen können, und schließlich hat der Taxifahrer uns 20 km für den Weg ins Zentrum berechnet (wobei es aber trotzdem nur ca. sechs Euro gekostet hat). Abends waren wir noch mit den beiden typisch bulgarisch essen – kann ich nur empfehlen.

Donnerstag hatten wir eine Skype-Konferenz zum Thema Fundraising; sehr interessant und lehrreich! Das könnte jetzt hilfreich werden, wo wir Spenden für unsere nächste Colored-Glasses-Schulung sammeln.

Am Wochenende war ich mit einer anderen deutschen Freiwilligen bei Starbucks und habe ansonsten nur herumgegammelt... und mein potentielles WG-Zimmer mittels der IKEA-Website eingerichtet. Das war alles. Ich müsste echt mal was mit meiner Mitbewohnerin unternehmen. Habt ihr Ideen?

Hier noch ein Foto von meinen Meerschweinchen (hab euch lieb!):



Alles Liebe,
eure Kathi

Montag, 13. Februar 2012

149 Tage vergangen, noch 199 vor mir

Keine Sorge, ich habe noch nicht genug von meinem Freiwilligendienst, ich habe das nur ausgerechnet, um zu sehen, wo die "Mitte" meines Aufenthalts hier ist. (Es ist der 10. März.) Dessen ungeachtet hatte ich am letzten Wochenende mein Mittelseminar, und zwar in Simeonovo, was wohl theoretisch und offiziell zu Sofia gehört, praktisch aber jwd liegt.


Schneeidylle! Wie auch immer, wir waren so 25 Menschen und zwei Teamer und zwei Menschen von der Nationalagentur, und es war sehr, sehr gut. Das Seminar, meine ich. Möglicherweise war das sogar das zweiteffektivste/-beeinflussendste/-beste Seminar meines Lebens (als Teilnehmerin). Wenn jemand Platz 1 erraten kann, bekommt er/sie ein "Natürlich, das war doch klar".

Wegen der geringen Workshopnachfrage und generellem Mangel an Arbeit war ich ja in der letzten Zeit etwas unmotiviert, aaaber das hat sich jetzt geändert. Ich glaube, dass ich wirklich etwas ändern und verbessern kann, etwas Nachhaltiges; deswegen Danke an die Teamer und Teilnehmer. Ihr seid die Besten!

Überhaupt war das Seminar toll aufgebaut, das Programm war gar nicht steif oder so, und trotzdem haben wir alles geschafft. Toll!

Ich weiß gar nicht, was ich sonst so schreiben soll, deswegen noch ein paar Fotos.

Vorstellungsrunde mit der On-Arrival-Gruppe

Gruppendynamische Übung: Ein Balkan-Tanz (ich kann ja mal so gar nicht tanzen... deswegen Danke an G. aus der Türkei)

15 Minutes of Fame für unsere Projekte

Forumtheater

Und am Ende durften wir T-Shirts machen! Um das Bild unseres perfekten EVS immer bei uns zu tragen! Aaaah! *Metapher-Overload*

Alles Liebe,
eure Kathi

Montag, 6. Februar 2012

Eine Woche Türkei

Diese Woche war ich auf einem Seminar in Eskişehir, Türkei. Das Ganze lief über Youth in Action (d. h. die EU bezahlt; danke, EU) und war ziemlich cool. Das Thema hieß "Keep Alive Yourself - The Forgotten Games".

Nach Eskişehir sind wir mit dem Bus gefahren, erst 9 Stunden nach Istanbul und dann noch mal 5 nach Eskişehir. Um 2 Uhr morgens mussten wir alle aus dem Bus und unsere Pässe an der Grenze vorzeigen... bei gefühlten - 20° C. Brr.

Dort angekommen stellte sich dann heraus, dass wir die erste Gruppe waren, und die Workshops an sich erst am nächsten Tag beginnen würden. Es gab fünf Gruppen (aus Spanien, Polen, Rumänien, Bulgarien und der Türkei) mit je vier Teilnehmern und einem Gruppenleiter. Am Nachmittag habe ich also noch ein bisschen geschlafen.

Abends kamen dann die Rumänen an, und gegen 5 Uhr morgens die Polen. Dank Wetterchaos waren die Spanier am Flughafen in Málaga stecken geblieben und würden erst Samstag früh zu uns stoßen, aber wir legten schon mal los: Kennenlernspiele, gruppendynamische Übungen, Energizer and all that jazz. Es war schon merkwürdig, wieder eine ganz normale Teilnehmerin zu sein, ohne jegliche Verantwortung -- aber auch sehr entspannend. Witzig war, dass die Teilnehmer alle irgendwo zwischen 13 und 28 waren... aber meistens noch Schüler. Und wie erwachsen sie alle sein wollten! Beispiel: "Meine beiden Mitschülerinnen sind ja erst 13, aber ich bin schon fast 15!" *überlegener Blick* (Auf Nachfrage war ihr Geburtstag dann... im November.)



Aber jedenfalls konnte ich jede Menge Ideen für Wahrnehmungsspiele und so weiter mitnehmen. Allerdings bin ich mir nicht so ganz sicher, wie effektiv das Seminar so war... ich meine, was war überhaupt das Ziel der Tagung? Am Anfang wurde "Spaß haben" formuliert, aber warum sollte die EU das finanzieren? Die Grundidee war eigentlich ganz gut, denke ich; vorab wurde etwas gesagt von "Früher haben wir mit anderen Kindern auf der Straße gespielt, aber jetzt sitzen wir nur noch am Computer" und "Wir haben nicht zwischen Jungen und Mädchen unterschieden" und "Wir werden Spiele aus verschiedenen Ländern kennen lernen" und so weiter (paraphrasiert, natürlich). Gespielt haben wir auch, und Spaß hatten wir. Auch haben wir definitiv mit jungen Menschen aus anderen Ländern interagiert, interkulturelle Freundschaften geschlossen etc. pp., aber ich meine, man hätte so viel mehr aus dem Seminar herausholen können! Es ist, als hätten wir oft nur die Simulation, das "Erlebnis", durchgeführt, aber dann keine Auswertung gemacht. Dabei hätten wir so viele Ansatzpunkte gehabt! Zum Beispiel ist mir (und anderen) aufgefallen, dass die Spiele aus den verschiedenen Ländern sich sehr geähnelt haben oder sogar identisch waren, und dass wir uns dann auf eine Version einigen mussten, um spielen zu können. Das wurde aber nie besprochen... schade. Beim Feedback habe ich das auch angesprochen, aber anscheinend hat niemand meine Meinung geteilt. Vielleicht bin ich zu deutsch und YFU-geprägt.


Entschuldigt den Exkurs, liebe Nichtteamer; jetzt werde ich etwas übers Essen schreiben. Dafür können wir uns doch alle begeistern, nicht wahr? Also: Das Essen war sehr gut. Jeden Tag konnten wir im Hotel frühstücken (es gab Pommes und heiße Blätterteigröllchen, die wir in Nutella gedippt haben... wow) und in einer Art Mensa um die Ecke zu Mittag und Abend essen. Wir konnten uns ein Hauptgericht, eine Beilage und eine Suppe oder einen Salat oder ein Dessert aussuchen. Und türkisches Brot gab es natürlich. Mmh... Brot.


Und am letzten Tag waren wir in einem richtigen Restaurant essen. Das Gericht: Ein riesiges Brot, dann eine Platte Fleisch. Gefällt mir.


Und der türkische Tee, nicht zu vergessen. Ich habe jeden Tag mindestens einen davon getrunken.


Ein etwas kalorienhaltigeres Heißgetränk ist "Salep", aus Orchideenmehl (?) und Milch und Zucker und mit Zimt. Sehr lecker.


Wie war das? Ob wir auch etwas anderes gemacht haben außer essen und trinken und spielen? Hm... geraucht haben wir, wobei ich mit "wir" dreizehnjährige Polinnen und ihre 40-jährige Englischlehrerin meine, und mit "rauchen" Wasserpfeife.


Okay, das ist eine spanische Studentin. Ihr wisst schon, was ich meine. Den Mädels hat's jedenfalls Spaß gemacht, aber ich habe nur Kopfschmerzen von dem ganzen Rauch bekommen.


Ist aber cool, dass Türken da so chillig sitzen und Tabak rauchen und Tee trinken können (im Vergleich zu einigen deutschen Jugendlichen, die anscheinend ohne Vodka-Red Bull keinen Spaß haben können).

Ach ja, eine Stadttour haben wir auch noch gemacht:






Und sonst fällt mir keine elegante Art ein, diesen Post zu beenden. Dann bis nächste Woche (wenn ich über mein Mittelseminar schreibe)!

Kathi