Montag, 23. Januar 2012

Ein Tag im Leben einer YFU-und-Colored-Glasses-Freiwilligen in Bulgarien


Hier könnt ihr den Artikel lesen, den ich für den Aktiven-Newsletter von YFU Deutschland geschrieben habe.

Könnt ihr Bulgarien auf einer unbeschrifteten Weltkarte finden? Wisst ihr, was eine Freiwillige im „The World's Coloured Glasses Project“ den lieben langen Tag so treibt? Noch nicht? Dann nehme ich euch heute mal – im übertragenen Sinne – mit zu mir auf die Arbeit.

6:40 Uhr: Mein Wecker piept und ich setze mich erst mal ans Klavier. Mit dem Unterricht habe ich hier in Bulgarien angefangen. Als ich mich im Februar entschieden hatte, einen Europäischen Freiwilligendienst zu machen, wollte ich mit dem Klavierspiel bis zu meiner Rückkehr warten, doch hier kostet eine Stunde gerade mal 6 Lewa (3 Euro), also war ich schnell umgestimmt. Gleichzeitig lerne ich noch Bulgarisch, weil meine Lehrerin außer ihrer Muttersprache nur einige Brocken Deutsch spricht. Wir verständigen uns mit Händen, Füßen und inzwischen auch schon immer mehr Bulgarisch.

8:30 Uhr: Ich mache mich auf den Weg zur Arbeit und freue mich wieder ein Mal, dass ich hier nicht Auto fahren muss – der Fahrstil einiger Verkehrsteilnehmer ist doch recht abenteuerlich.

8:58 Uhr: Ich steige die fünf Stockwerke hoch zum YFU-Büro, begrüße meine drei Kollegen mit einem „Добро утро“, und gehe hoch auf unseren „Dachboden“, wo ich mit zwei anderen Freiwilligen aus Deutschland montags, mittwochs und freitags einen Bulgarisch-Sprachkurs habe. Unser Lehrer ist einer der ca. 30 „nebenberuflichen“ Colored-Glasses-Teamer in Bulgarien, und spricht fließend Deutsch.

11:08 Uhr: Jetzt fahre ich meinen Laptop hoch und checke erst mal die Colored-Glasses-E-Mails. Eine Deutschlehrerin aus Plovdiv schreibt mir: Sie interessiert sich für einen Workshop. Diese Workshops sind übrigens, falls ihr mit dem Colored-Glasses-Projekt noch nicht vertraut sein solltet, ähnlich aufgebaut wie eine AG bei YFU, nur, dass sie mit Schülerinnen und Schülern aus den Klassen 9 bis 12 während des Unterrichts durchgeführt werden. So versuchen wir, auch den Jugendlichen, die sich kein Austauschjahr leisten können oder die sich nicht so recht trauen, ein interkulturelles Erlebnis zu ermöglichen und ihnen etwas über Vorurteile und Toleranz beizubringen. Es sind immer Deutschlehrerinnen und -lehrer, die sich mit mir in Kontakt setzen, denn unsere Workshops finden im Rahmen des Deutschunterrichts und auf deutsch statt. Ohne den Anreiz zum freien Sprechen in der Unterrichtssprache wäre Colored Glasses wohl weniger beliebt, denn an den Schulen wird immer noch mehr Wert auf Faktenwissen als auf eigenständiges Denken gelegt. Ich schicke der Frau eine Übersicht unserer Workshops (es gibt vier) und bitte sie um einen Terminvorschlag sowie weitere Informationen zu ihrer Klasse.

11:43 Uhr: Alle E-Mails sind gelesen und ggf. beantwortet. Leider gibt es in diesem Jahr nicht sehr viele solcher Anfragen, wohingegen wir deutlich mehr motivierte Teamer rekrutieren konnten als in den beiden Jahren zuvor: Zur Teamerschulung im Oktober kamen 17 Teilnehmer. Ich hoffe, dass das neue Angebot auch englischsprachiger Workshops mehr Lehrer interessieren wird.

12:04 Uhr: Mir fällt ein, dass ich den Bericht für den letzten Workshop in Gabrovo noch gar nicht geschrieben habe. Also mach ich das schnell – es geht wirklich einfach mit dem vorgefertigten Berichtsbogen, in den ich nur noch Aufbau des Workshops, Verlauf und Feedback eintragen muss.

13:12 Uhr: Der Bericht ist fertig und ich speichere ihn ab. Für den Jahresbericht und dann für meinen Nachfolger wird er sehr hilfreich sein.

13:18 Uhr: Ich schicke den Bericht an die anderen Teamer, die bei dem Workshop mitgewirkt haben, und bitte um Feedback und Verbesserungsvorschläge. Dann gibt es ein Sandwich zum Mittagessen.

13:47 Uhr: Inzwischen hat die Plovdiver Lehrerin mir ihr gewünschtes Datum geschrieben, sodass ich nach Teamern suchen kann. Für gewöhnlich lassen sich die Lehrer damit leider Zeit. Über die Google-Gruppe schicke ich einen Aufruf – auf Deutsch, da alle Teamer nahezu fließend Deutsch sprechen. Nach der englischsprachigen Teamerschulung im März werde ich die Aufrufe wohl in der Sprache des betreffenden Workshops halten.

13:56 Uhr: Ich trage den neuen Workshop mit Datum, Ort und Workshoptitel in meine Tabelle ein.

14:25 Uhr: Ich mache mit einem anderen Projekt weiter, an dem ich gerade arbeite – heute ist es zum Beispiel dieser Artikel. In den letzten Monaten habe ich unter anderem das Colored-Glasses-Konzept in großen Teilen ins Englische übertragen, den Jahresbericht für 2010/11 sprachlich korrigiert und ein Dokument mit Tipps zur Öffentlichkeitsarbeit für neue Freiwillige erstellt. Wie gesagt war die Nachfrage nach Workshops bisher eher mäßig, sodass ich Zeit für viele andere YFU-bezogene Aktivitäten hatte. Ab und zu fahre ich auch mit meinem Kollegen Pescho zu verschiedenen Schulen, um Präsentationen über das YFU-Programm zu halten. Das Konzept „Langzeitaustausch“ ist hier nämlich leider noch nicht sehr bekannt; höchstens Sprachreisen werden für Schüler mit wohlhabenden Familien angeboten. Deswegen stellen wir unser Programm auch eher als akademischen Austausch dar.

15:03 Uhr: Ich bekomme zwei Antworten auf den Teameraufruf, beide bedauernde Variationen von, „Es tut mir Leid, ich kann nicht kommen.“

15:06 Uhr: Ich recherchiere schon mal die Busfahrzeiten nach Plovdiv und schreibe die Preise und den Namen der Busgesellschaft auf, ehe ich weiter am Artikel schreibe.

16:32 Uhr: Der Artikel ist fertig und ich schicke ihn per Skype zur Geschäftsführerin von YFU Bulgarin (die ca. 1,5 m von mir entfernt sitzt).

16:40 Uhr: Yay, eine Zusage von einem Teamer! Ich trage ihn in die Liste ein.

16:54 Uhr: Ich fahre den Laptop herunter, spüle meine Teetasse aus, verabschiede mich mit einem „Чао!“ und gehe zum Chor – ein toller Weg, neue Leute kennen zu lernen.

19:32 Uhr: Ich komme nach Hause und mache mir etwas zu essen. Natürlich dürfen кюфтета, die typischen bulgarischen Frikadellen, dabei nicht fehlen. Danach übe ich noch etwas Klavier, oder lese, oder sehe fern, oder quatsche mit meiner Mitbewohnerin, ehe ich ins Bett gehe.

22:48 Uhr: Ich halte meinen heutigen Tag in meinem Tagebuch fest, allerdings nicht so ausführlich wie hier. Am nächsten Montag werde ich diese Woche in meinem Blog zusammenfassen.

23:42 Uhr: Das war's also von meinem Alltagsleben in Bulgarien. Ich sage „Лека нощ!“ und hoffe, dass es euch gefallen hat.

Übrigens: Bulgarien liegt in Südosteuropa, auf der Balkanhalbinsel, südlich von Rumänien und westlich vom Schwarzen Meer – könnt ihr es schon sehen?
Und hier ein supercooles "Widget", das ich online gefunden habe. Es ist die virtuelle Version meiner Katze Emmy!





1 Kommentar:

  1. Hey Kathi, schön, immer mal wieder was von dir zu lesen!
    Ich mache in den Semesterferien ein Praktikum bei einem Verein, der u.a. das Projekt "Afrika macht Schule" durchführt, das wird bestimmt spannend.

    In der LG läuft alles, am 4.3. ist Frühjahrstreffen, Stadtrallye in Goslar und Kaffee und Kuchen in der JH. Das wird sicher großartig!
    Jetzt muss ich erstmal die Briefe zur Post bringen. Liebe Grüße!

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