Dienstag, 3. Januar 2012

Boldog új évet!


Diese Woche war ich in Budapest. Jetzt bin ich wieder zu Hause. Ja, so fühlt es sich an. Als unsere letzte Mitfahrgelegenheit uns gegen 1 Uhr morgens am Theater abgesetzt hat und wir uns auf dem Weg zu meiner Wohnung gemacht haben, hatte ich wirklich das Gefühl, wieder da angekommen zu sein, wo ich hingehöre.

Äh, wie auch immer, zurück zu den Fakten. O. und ich sind ja schon vor drei Wochen per Anhalter zusammen nach Kazanlak zu dieser EVS-Party gefahren. Schon davor hatten wir beschlossen, über Silvester nach Budapest zu trampen – einfach, weil wir es können. Gegen 7 Uhr morgens kam O. also aus Istanbul in Sofia an (er hatte seine Familie in Eskişehir besucht). Ich habe ihn abgeholt, er hat seinen Koffer in meiner Wohnung abgestellt, wir haben gefrühstückt und uns Brote für unterwegs gemacht und sind los gen Westen, zum Rand der Stadt.

Hier kam das erste Problem: Wir haben den Bus 72 Richtung „ж. к. Западен Парк“ (Wohnviertel Westpark) genommen, weil ich wusste, dass von der Metrostation „Западен Парк“ ein Bus zu der Straße fährt, die aus der Stadt heraus führt. Leider befindet sich die Metrostation Westpark nicht, wie man annehmen würde, in der Nähe des Wohnviertels Westpark, sondern laut Google Maps ca. 2 km entfernt. Da konnten wir lange suchen... und das haben wir auch. Insgesamt bestimmt zwei Stunden oder so sind wir durch die Randbezirke Sofias gelaufen, immer im Kreis, und natürlich gab es niemanden, der Englisch sprach. Letztendlich haben wir eine Straßenbahn gefunden, die auch zu der gewünschten Straße fuhr, und standen gegen 11:30 Uhr endlich mit einem Schild „Видин“ am Wegesrand (A). So war übrigens unsere geplante Route:



Die Realität sah unwesentlich anders aus:


Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, aber nach nicht allzu langer Zeit hat uns ein Ehepaar mit nach Берковица (B) genommen, und von da aus ein junger Mann nach Монтана. Dort sind wir in einem Elektronikladen auf Toilette gegangen und haben wieder gewartet. Die Leute in Montana waren sehr nett und haben uns zugewinkt oder Handzeichen gemacht, „Ich bleibe in der Stadt“ usw. Schließlich hat uns ein Mann mitgenommen, der etwas Deutsch konnte, weil er LKW-Fahrer (heißt das so?) ist und zwei Mal im Monat nach Deutschland fährt. Seine Grammatik war desaströs, aber seine Kenntnisse waren ziemlich beeindruckend, wenn man bedenkt, dass er das nie in der Schule gelernt hat, sondern sich nur mittels Gesprächen mit Einheimischen selbst beigebracht hat.

Er setzte uns also in Vidin (C) ab, was ziemlich gut war, wäre die Grenze nach Rumänien nicht etwa 10 km entfernt vom Stadtzentrum... und laut unserem Fahrer gab es während der Feiertage auch keine LKWs o. Ä., die dorthin fuhren. Wir wollten aber nicht, wie von ihm vorgeschlagen, ein Taxi nehmen, sondern fragten lieber noch mal an einer Tankstelle nach. Die Frau an der Kasse war sich ziemlich sicher, dass es Autos geben würde, und so wagten wir es und stellten uns an die Autobahn. Es war eine sehr gut ausgebaute, moderne Straße, was uns aber leider auch nicht weiter half, denn es kamen wirklich kaum Leute vorbei. Ein paar Zigeuner, die mit ihrem Pferdewagen vorbei fuhren, fragten wir, ob wir an der richtigen Straße stünden, und sie bejahten. Dann konnten wir also nur noch warten... doch irgendwann tauchte ein alter Mann in einem winzigen, klapprigen Auto auf, der wohl nicht gerade gut Bulgarisch sprach, aber uns war es egal, wir wären mit praktisch jedem mitgefahren. Und er war nett: Er hat O. Eine Zigarette gegeben. Danke, verrückter alter Mann!

Der Mann hat uns bis zur Fährenauffahrt gebracht und ist dann wieder weggefahren; er wollte wohl woanders hin. Wir sind also zu Fuß durch die Grenzkontrollen gegangen, und natürlich gab es ein paar Probleme mit O.s Pass. Er hat eine Art Diplomatenpass, weil sein Vater für die Regierung arbeitet, aber weil er türkisch, d. h. nicht aus der EU ist, sind die Leute wohl etwas misstrauischer. Sie wollten sogar unser Gepäck durchsuchen, das haben sie aber am Ende doch nicht gemacht.

Die Fähre über die Donau (= die Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien) fährt nur, wenn sie auch voll ist, wir mussten dementsprechend lange warten. Leider fuhr niemand nach Timisoara, bzw. die zwei Laster, die dorthin fuhren, hatten keinen Platz für uns. Die Fahrer – einer übrigens deutscher Staatsbürger, der seit sieben Jahren in Bulgarien lebt, ziemlich cool – empfohlen uns, mit ihnen nach Craiova (D) zu fahren und dann den Zug nach Timisoara (E) zu nehmen, und nach langer Überlegung (für die wir aufgrund der Wartezeit leider genügend Zeit hatten) beschlossen wir, ihrem Rat zu folgen. Wir stiegen zu zwei Rumänen ins Auto, die sehr gut Englisch sprachen. Sie waren richtig nett! In Craiova halfen sie uns, einen Zug zu finden, wechselten Geld für uns und erklärten uns, wann wir wo in welchen Zug steigen mussten. Es war inzwischen 20 Uhr.

Der Zug fuhr um 23:50 Uhr. Wir hatten also genug Zeit, die Stadt zu erkunden – was aber etwas gefährlich war, wie uns gesagt wurde, weswegen wir den Bahnhof für nur etwa eine halbe Stunde verließen. Später erfuhren wir, dass die Stadt (und Südrumänien allgemein) so ziemlich der schlechteste Ort ist, um nachts gestrandet zu sein. Gut, dass wir nicht versucht haben, von dort weiterzutrampen!

Der Bahnhof in Craiova

Weil der Zug erst um 5:20 Uhr in Timisoara sein würde, beschlossen wir, unterwegs zu schlafen und dann morgens weiterzureisen. Das stellte sich als nicht ganz so einfach heraus, obwohl uns ein sehr netter Rumäne auf dem Weg zur Arbeit von einer Tankstelle mit an den Stadtrand nahm. Erst versuchten wir, ein Auto nach Arad zu finden, aber weil es noch dunkel war, hatten die Menschen wohl Vorbehalte, uns mitzunehmen (wahrscheinlich lag es teilweise auch daran, dass O. mit seinem vors Gesicht gezogenen Schal und der Kapuze wie ein islamistischer Terrorist aussah). Gegen 6:45 Uhr gaben wir vorerst auf und zogen uns für einen Kaffee in eine Tankstelle zurück. Dort erfuhren wir, dass es für den Weg nach Budapest besser wäre, über Szeged zu fahren.


Gegen 8 Uhr, als es langsam hell wurde, standen wir also an der Straße dorthin, und schon nach 20 Minuten nahm uns ein Mann mit Sohn in einem VW-Bus mit bis zu einem kleinen Dorf ca. 20 km vor der ungarischen Grenze. Dort hatten wir kaum Zeit, dieses Foto zu machen, als auch schon ein rumänisches Pärchen für uns anhielt.

 
Sie fuhren über Silvester nach Bratislava (Slovakei) und brachten uns bis nach Budapest (F), sogar fast ins Zentrum, sodass wir einfach die Metro zur Wohnung unserer Gastgeberin nehmen konnten. Wir mussten uns etwas durchfragen, aber es ging erstaunlich gut. Unglaublich, dass fast jeder in Budapest sehr gut Englisch spricht! Sogar die Verkäufer in Kiosks, Bäckereien, Ticketschaltern... fand ich super.

Aus der Wohnung kam uns gleich unsere Gastgeberin A. entgegen. O. hatte sie bei Couchsurfing gefunden. (Couchsurfing ist toll! Ihr solltet euch anmelden!) Sie wollte noch auf die fünf Polen warten, die ebenfalls bei ihr übernachten würden, also machten wir uns nach einem gemeinsamen Tee mit M. aus Rumänien (rechts auf dem Foto) auf zum Burgviertel.


Danach: Betrinken mit den Polen. Und zum Frühstück am nächsten Morgen gab's Vodka... danke für die Vorurteilsbestätigung, Leute. Insgesamt waren wir fünf Polen, eine Ungarin, eine Rumänin, ein Serbe, ein Brasilianer, ein Türke und eine Deutsche.

 
Ich weiß gar nicht mehr, was wir am 31. Dezember noch so gemacht haben... oder... ach ja, da sind wir zur Zitadelle gegangen. War auch ziemlich cool.


Abends waren wir dann bei der CouchSurfing-Party. Es war... okay. Ziemlich laut und heiß und so, und das ist ja eigentlich nichts für mich, und alle waren irgendwo anders verstreut. Ich weiß auch gar nicht, wann es genau 0 Uhr war, aber das schon in Ordnung. Ich hatte schlimmere Silvester. Gegen 2 Uhr sind dann J. (aus Polen) und ich wieder zu A.s Wohnung gegangen, weil er müde war und ich die Club-Atmosphäre ziemlich satt hatte. Wir mussten ja wach bleiben, weil die anderen keinen Schlüssel hatten, also haben wir geredet, die Küche aufgeräumt und angefangen, einen Film zu gucken. (Illegale Streamingseiten sind toll!) Zwischendurch war ich für ca. 20 Sekunden weg, um mir etwas zu trinken zu holen, und als ich wieder kam, war J. schon eingeschlafen... süß.

Der 1. Januar war ein ziemlicher Gammeltag. Wir sind spazieren gegangen und haben Zwetschkenknödel gegessen – für die meisten von uns zum ersten Mal. Die Dinger sind echt superlecker! Wenn ich kochen könnte, würde ich die glatt selbst mal machen. Aber vielleicht finde ich sie ja hier im österreichischen Supermarkt in der Tiefkühlabteilung.



Abends haben wir uns von den Polen verabschiedet, die mit dem Auto nach Krakau zurück gefahren sind, und noch einen Film angesehen. O. ist irgendwann gegen Anfang eingeschlafen und erst wieder aufgewacht, als ich ihn am nächsten Tag um 8 Uhr geweckt habe (und eigentlich wollten wir um 6 Uhr aufstehen... na ja).

Das übliche Programm wurde durchgezogen: Brote schmieren, Zettel mit einer Dankesnachricht da lassen, schauen, ob wir nichts vergessen haben (habe ich aber trotzdem... na ja) und auf zur Metro. Praktischerweise hatten wir aber nicht mehr genügend Forint (die ungarische Währung) für die Fahrkarten... und mussten noch spontan fünf Euro in einer Bank umtauschen. Die Reise zum Trampplatz war aber dank Hitchwiki kein großes Problem, und schon nach 25 Minuten nahm uns ein Ungare mit bis hinter Szeged (G). Das war mal ein typisches Beispiel dafür, warum Trampen toll ist. Wir haben uns super mit ihm über alles Mögliche unterhalten, ihn für CouchSurfing geworben und am Ende unsere E-Mail-Adressen ausgetauscht. Die Batterie meiner Kamera war leer, aber O. hat ein Foto mit seinem Handy gemacht; wenn ich es bekomme, stelle ich es hier noch rein.

Wir sind dann zu Fuß durch die Grenze nach Serbien gelaufen, was ziemlich witzig war (oder auch nicht – 5 km). Und danach wollte uns niemand mitnehmen; es fuhren auch nicht so viele Autos. Wir hatten ja die ganze Zeit auf einen türkischen LKW auf dem Weg nach Istanbul gehofft: O. hätte mit ihm Türkisch sprechen und er hätte uns bis Sofia mitnehmen können. Pustekuchen. Irgendwann kam ein Mann, der uns mit nach Subotica (H) genommen hat, wo mehr Autos fuhren. Aber auch dort mussten wir sehr lange warten, bis ein Serbe im Auto mit Wiener Kennzeichen (er sprach etwas Deutsch) uns mitnahm. Das war erfolgreicher: Er fuhr bis etwa 65 km hinter Belgrad und verließ dann die Autobahn. Wir stiegen an der Ausfahrt aus und waren optimistisch, was die Weiterfahrt anging; es war wurde zwar langsam dunkel, war aber erst 16:45 Uhr serbischer Zeit. Wir schrieben sogar „София“ auf unser Schild. Doch die Minuten, und schließlich eine Stunde vergingen, und niemand hielt an, obwohl gar nicht mal so wenige Autos dort vorbei kamen.

Langsam wurde uns mulmig bei der Sache. Wir wussten, dass die Straße direkt nach Niš führte, also musste doch jemand für unser Schild „Niš“ anhalten? Falsch gedacht. Es wurde ganz dunkel, wir waren mitten im Nirgendwo, mein Handy funktionierte im serbischen Netzwerk nicht, O. hatte kein Guthaben mehr, es war verdammt kalt und nirgendwo war eine Tankstelle oder Ähnliches zu sehen. Es war wirklich mal eine besondere Erfahrung... ich war jetzt nicht so missmutig, mir war auch nicht so kalt, nur meine Finger, weil ich meinen rechten Handschuh in Craiova vergessen hatte, aber O. war ziemlich fertig angesichts der Aussicht, die ganze Nacht an der Straße stehen zu müssen.

Aber unsere Retter nahten! Kurz nach halb 7 serbischer Zeit hielt ein VW-Bus mit Sofioter Kennzeichen an. Darin sechs bulgarische Studenten, fünf davon aus Sofia und einer davon: V. Aus Varna. Wir kannten ihn! Er war bei der Party in Kazanlak vor drei Wochen, weil er mit einer Freiwilligen aus Frankreich befreundet ist. Und jetzt alle: It's a small world, afterall... Es stellte sich heraus, dass die Gruppe (die übrigens von einem Kurztrip aus Bratislava zurück kehrte) die ganze Fahrt über schon Tramper mitnehmen wollte, aber keine gesehen hatte. Wir hatten so ein Glück... ich mag mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn sie nicht vorbei gekommen wären. Ich habe noch mal bei Google Maps nachgeschaut, wo wir waren. Wirklich am Popo des Balkans.


Wie auch immer! In Niš haben wir Halt gemacht und dieses typisch serbische Fleischzeug gegessen. Ich weiß nicht, wie es heißt (aber Wikipedia weiß alles), aber es ist so eine Art Riesenbulette in einem riesigen Brötchen und man kann sich selbst aussuchen, was für Soßen und Beilagen man dazu möchte, à la Döner. Für 2 € nicht schlecht.
Unterwegs hat O. geschlafen und ich mich mit V. unterhalten – auf Bulgarisch. Oh je. Es war aber gar nicht so schlecht. An der Grenze gab es wieder die obligatorischen Passprobleme für Nicht-EU-Bürger, aber das waren wir ja inzwischen gewöhnt. Gegen 0:45 Uhr waren wir dann wieder in Sofia, die Leute haben uns am Theater aussteigen lassen, wir haben uns bedankt und sind ab zu mir nach Hause. O. musste ja noch weiter nach Kyustendil, 80 km von Serbien entfernt, und hat deshalb noch auf meinem Sofa geschlafen (warum tippe ich immer Sofia?).

Und das war's eigentlich. Wir leben alle noch, sind um viele schöne und auch einige nicht so schöne Erfahrungen reicher und so dankbar für alles, was wir erlebt haben. Nochmals – auch wenn sie es hier nicht lesen können – vielen Dank an alle unsere Fahrer, unsere Gastgeberin A. und an alle, die uns auf irgendeine Art weiter geholfen haben, sei es der Bankangestellte, für den es kein Problem ist, nur 5 Euro zu tauschen, die Tankstellenleute, die uns viele gute Tipps gegeben und uns ihre Toiletten haben benutzen lassen, oder die Budapester Passanten, die uns mit ihrem perfekten Englisch durch die Straßen der Hauptstadt dirigiert haben. Благодаря, multumesc, köszönöm und хвала!

Ach ja: Was ich gelernt habe.
  1. Budapest ist eine wunderschöne Stadt.
  2. Es ist eine gute Idee, Euros bei sich zu haben, auch wenn sie in keinem Land, in das man reist, als Zahlungsmittel benutzt werden. Es ist einfach praktischer und leichter, Euros umzutauschen, als Leva in Lei oder Forint oder Dinar.
  3. Die Welt zu bereisen kann einen mehr bilden als jahrelanges Fakten Lernen. Non-formal education, anyone?
  4. Osteuropäische Männer rauchen. Ununterbrochen.
  5. Auch wenn wir aus verschiedenen Kulturkreisen kommen, verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Ansichtsweisen zu allen möglichen Themen haben, sind wir doch alle Menschen, die sich gegenseitig helfen. Nochmals: Die Welt ist bunt!
Eure Kathi

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