Montag, 30. Januar 2012

Schnee, keine Workshops, aber eine Party


Überraschung: Endlich gibt’s mal wieder einen vernünftigen Beitrag im Stil von „Ich berichte über meine Woche“. Diese war nämlich unwesentlich interessanter als die vorherigen.

Eigentlich hätte ich heute über meine erste mehrtägige Workshopsession geschrieben; ich wollte am Mitttwochabend nach Silistra (Nordostbulgarien) fahren, um dort am Donnerstag und Freitag je zwei Workshops durchzuführen. Dann wäre ich nach Stara Zagora zur EVS-Party gefahren (wir Freiwilligen vom gleichen Ankunftsseminar treffen uns ja ein Mal im Monat). Nun kam aber alles ein bisschen anders als geplant. Am Dienstagabend rief meine Kontaktperson in Silistra an und sagte mir, dass die zwei anderen Teamerinnen aus Varna nicht kommen würden, weil ihr Eltern es wegen des Wetters nicht erlaubten; jede Menge Schnee war angesagt. Ich packte also meine Tasche wieder aus, sagte bei allen meinen abgesagten Verabredungen (Sprachkurs, Chorprobe, Klavierunterricht) wieder zu und machte einen neuen Termin mit der Lehrerin aus. Wie sich dann herausstellte, war es ganz gut, dass ich nicht dorthin gefahren bin, sonst wäre ich jetzt vermutlich immer noch dort.



Es hatte aber auch etwas Gutes, dass ich nicht fahren konnte, denn so habe ich es noch zur Chorprobe geschafft, wo ein Mädchen Geburtstag und ein anderes sein Studium abgeschlossen hatte. Es gab daher mehr Wein und Saft und Kekse als Singen...



Aber nach Stara Zagora bin ich dann doch noch gekommen, wenn auch per Bus (sogar bezahlt habe ich), weil ich fürs Trampen keinen Partner gefunden hatte – aus Sofia konnte niemand kommen – und es mir dann doch ein bisschen zu kalt war. Immerhin konnte ich dann unterwegs so um die 80 Seiten aus Herr der Ringe lesen. Im Sommer wollen wir in Varna alle Filme direkt nacheinander sehen.

Gegen Mittag war ich in Stara Zagora und habe mich erst mal mit den zwei Freiwilligen unseres dortigen Büros zum Essen getroffen. Es war schön, sie mal wieder zu sehen. Danach hat der eine Freiwillige (A. aus San Francisco, ein Peace-Corps-Freiwilliger) mir die Stadt gezeigt und dann haben wir noch ein paar Serien und einen Film gesehen. Und dann sind wir zu der Party gefahren!


Es gab Ofenkartoffeln und Brot und viele nette Gespräche. Wir Deutschen waren in der überwältigenden Überzahl (fünf), sodass ich mal wieder jede Menge Deutsch sprechen konnte... ob das jetzt als gut oder schlecht einzuordnen ist, bleibt dem geneigten Leser überlassen. Irgendwann (und mit „irgendwann“ meine ich „gegen viertel nach eins“) sind wir dann in so eine Bar/Club/Billiardladen gegangen, aber einer anderen Deutschen und mir war's dann etwas zu laut dort und wir sind noch ein bisschen spazieren gegangen. Unterwegs haben wir eine Gruppe französischsprachiger Schweizer getroffen, was meine Begleiterin sehr gefreut hat ((sie liebt Französisch)... und meinen Eindruck, ich habe mein ganzes Französisch vergessen, noch bestärkt hat. Mir sind die ganze Zeit nur bulgarische Ausdrücke in den Sinn gekommen. Das könnte man aber auch positiv deuten: Mein Bulgarisch wird immer besser! Über abstrakte Ideen kann ich aber leider immer noch nicht so wirklich sprechen, wie ich gestern gemerkt habe, als ich versucht habe, mich mit einem Bulgaren per Facebookchat über klassische Musik zu sprechen. An dieser Stelle nochmals vielen Dank an Google und ihren Übersetzungsservice.

Im Klavierunterricht geht es auch voran: Zur Zeit lerne ich das Themaaus der 40. Symphonie von Mozart und das Menuett in G von Bach. Leider werde ich in der nächsten Woche nicht üben können, weil ich auf einem Seminar in Eskisehir in der Türkei sein werde (optimistischerweise nehme ich aber mal meine Noten mit, obwohl ich mal davon ausgehe, dass es dort kein Klavier geben wird). Ich hoffe ja mal, dass es wärmer sein wird als gerade hier in Sofia oder in Deutschland.

Bis nächste Woche (sofern es Internet gibt)!
Kathi

Montag, 23. Januar 2012

Ein Tag im Leben einer YFU-und-Colored-Glasses-Freiwilligen in Bulgarien


Hier könnt ihr den Artikel lesen, den ich für den Aktiven-Newsletter von YFU Deutschland geschrieben habe.

Könnt ihr Bulgarien auf einer unbeschrifteten Weltkarte finden? Wisst ihr, was eine Freiwillige im „The World's Coloured Glasses Project“ den lieben langen Tag so treibt? Noch nicht? Dann nehme ich euch heute mal – im übertragenen Sinne – mit zu mir auf die Arbeit.

6:40 Uhr: Mein Wecker piept und ich setze mich erst mal ans Klavier. Mit dem Unterricht habe ich hier in Bulgarien angefangen. Als ich mich im Februar entschieden hatte, einen Europäischen Freiwilligendienst zu machen, wollte ich mit dem Klavierspiel bis zu meiner Rückkehr warten, doch hier kostet eine Stunde gerade mal 6 Lewa (3 Euro), also war ich schnell umgestimmt. Gleichzeitig lerne ich noch Bulgarisch, weil meine Lehrerin außer ihrer Muttersprache nur einige Brocken Deutsch spricht. Wir verständigen uns mit Händen, Füßen und inzwischen auch schon immer mehr Bulgarisch.

8:30 Uhr: Ich mache mich auf den Weg zur Arbeit und freue mich wieder ein Mal, dass ich hier nicht Auto fahren muss – der Fahrstil einiger Verkehrsteilnehmer ist doch recht abenteuerlich.

8:58 Uhr: Ich steige die fünf Stockwerke hoch zum YFU-Büro, begrüße meine drei Kollegen mit einem „Добро утро“, und gehe hoch auf unseren „Dachboden“, wo ich mit zwei anderen Freiwilligen aus Deutschland montags, mittwochs und freitags einen Bulgarisch-Sprachkurs habe. Unser Lehrer ist einer der ca. 30 „nebenberuflichen“ Colored-Glasses-Teamer in Bulgarien, und spricht fließend Deutsch.

11:08 Uhr: Jetzt fahre ich meinen Laptop hoch und checke erst mal die Colored-Glasses-E-Mails. Eine Deutschlehrerin aus Plovdiv schreibt mir: Sie interessiert sich für einen Workshop. Diese Workshops sind übrigens, falls ihr mit dem Colored-Glasses-Projekt noch nicht vertraut sein solltet, ähnlich aufgebaut wie eine AG bei YFU, nur, dass sie mit Schülerinnen und Schülern aus den Klassen 9 bis 12 während des Unterrichts durchgeführt werden. So versuchen wir, auch den Jugendlichen, die sich kein Austauschjahr leisten können oder die sich nicht so recht trauen, ein interkulturelles Erlebnis zu ermöglichen und ihnen etwas über Vorurteile und Toleranz beizubringen. Es sind immer Deutschlehrerinnen und -lehrer, die sich mit mir in Kontakt setzen, denn unsere Workshops finden im Rahmen des Deutschunterrichts und auf deutsch statt. Ohne den Anreiz zum freien Sprechen in der Unterrichtssprache wäre Colored Glasses wohl weniger beliebt, denn an den Schulen wird immer noch mehr Wert auf Faktenwissen als auf eigenständiges Denken gelegt. Ich schicke der Frau eine Übersicht unserer Workshops (es gibt vier) und bitte sie um einen Terminvorschlag sowie weitere Informationen zu ihrer Klasse.

11:43 Uhr: Alle E-Mails sind gelesen und ggf. beantwortet. Leider gibt es in diesem Jahr nicht sehr viele solcher Anfragen, wohingegen wir deutlich mehr motivierte Teamer rekrutieren konnten als in den beiden Jahren zuvor: Zur Teamerschulung im Oktober kamen 17 Teilnehmer. Ich hoffe, dass das neue Angebot auch englischsprachiger Workshops mehr Lehrer interessieren wird.

12:04 Uhr: Mir fällt ein, dass ich den Bericht für den letzten Workshop in Gabrovo noch gar nicht geschrieben habe. Also mach ich das schnell – es geht wirklich einfach mit dem vorgefertigten Berichtsbogen, in den ich nur noch Aufbau des Workshops, Verlauf und Feedback eintragen muss.

13:12 Uhr: Der Bericht ist fertig und ich speichere ihn ab. Für den Jahresbericht und dann für meinen Nachfolger wird er sehr hilfreich sein.

13:18 Uhr: Ich schicke den Bericht an die anderen Teamer, die bei dem Workshop mitgewirkt haben, und bitte um Feedback und Verbesserungsvorschläge. Dann gibt es ein Sandwich zum Mittagessen.

13:47 Uhr: Inzwischen hat die Plovdiver Lehrerin mir ihr gewünschtes Datum geschrieben, sodass ich nach Teamern suchen kann. Für gewöhnlich lassen sich die Lehrer damit leider Zeit. Über die Google-Gruppe schicke ich einen Aufruf – auf Deutsch, da alle Teamer nahezu fließend Deutsch sprechen. Nach der englischsprachigen Teamerschulung im März werde ich die Aufrufe wohl in der Sprache des betreffenden Workshops halten.

13:56 Uhr: Ich trage den neuen Workshop mit Datum, Ort und Workshoptitel in meine Tabelle ein.

14:25 Uhr: Ich mache mit einem anderen Projekt weiter, an dem ich gerade arbeite – heute ist es zum Beispiel dieser Artikel. In den letzten Monaten habe ich unter anderem das Colored-Glasses-Konzept in großen Teilen ins Englische übertragen, den Jahresbericht für 2010/11 sprachlich korrigiert und ein Dokument mit Tipps zur Öffentlichkeitsarbeit für neue Freiwillige erstellt. Wie gesagt war die Nachfrage nach Workshops bisher eher mäßig, sodass ich Zeit für viele andere YFU-bezogene Aktivitäten hatte. Ab und zu fahre ich auch mit meinem Kollegen Pescho zu verschiedenen Schulen, um Präsentationen über das YFU-Programm zu halten. Das Konzept „Langzeitaustausch“ ist hier nämlich leider noch nicht sehr bekannt; höchstens Sprachreisen werden für Schüler mit wohlhabenden Familien angeboten. Deswegen stellen wir unser Programm auch eher als akademischen Austausch dar.

15:03 Uhr: Ich bekomme zwei Antworten auf den Teameraufruf, beide bedauernde Variationen von, „Es tut mir Leid, ich kann nicht kommen.“

15:06 Uhr: Ich recherchiere schon mal die Busfahrzeiten nach Plovdiv und schreibe die Preise und den Namen der Busgesellschaft auf, ehe ich weiter am Artikel schreibe.

16:32 Uhr: Der Artikel ist fertig und ich schicke ihn per Skype zur Geschäftsführerin von YFU Bulgarin (die ca. 1,5 m von mir entfernt sitzt).

16:40 Uhr: Yay, eine Zusage von einem Teamer! Ich trage ihn in die Liste ein.

16:54 Uhr: Ich fahre den Laptop herunter, spüle meine Teetasse aus, verabschiede mich mit einem „Чао!“ und gehe zum Chor – ein toller Weg, neue Leute kennen zu lernen.

19:32 Uhr: Ich komme nach Hause und mache mir etwas zu essen. Natürlich dürfen кюфтета, die typischen bulgarischen Frikadellen, dabei nicht fehlen. Danach übe ich noch etwas Klavier, oder lese, oder sehe fern, oder quatsche mit meiner Mitbewohnerin, ehe ich ins Bett gehe.

22:48 Uhr: Ich halte meinen heutigen Tag in meinem Tagebuch fest, allerdings nicht so ausführlich wie hier. Am nächsten Montag werde ich diese Woche in meinem Blog zusammenfassen.

23:42 Uhr: Das war's also von meinem Alltagsleben in Bulgarien. Ich sage „Лека нощ!“ und hoffe, dass es euch gefallen hat.

Übrigens: Bulgarien liegt in Südosteuropa, auf der Balkanhalbinsel, südlich von Rumänien und westlich vom Schwarzen Meer – könnt ihr es schon sehen?
Und hier ein supercooles "Widget", das ich online gefunden habe. Es ist die virtuelle Version meiner Katze Emmy!





Montag, 16. Januar 2012

Ein Update aus dem winterlichen Sofia


Entschuldigt den fehlenden Beitrag letzte Woche, aber es ist wirklich nichts Interessantes passiert! Ich habe wieder angefangen, zu arbeiten, habe einen Workshop vorbereitet, hatte eine Klavierstunde, habe am Wochenende zu Hause gegammelt... das Standardprogramm eben. Vielleicht schreibe ich noch etwas Uninformatives à la „Du weißt, dass du in Bulgarien lebst,wenn..."
Wie auch immer... diese Woche war eigentlich auch nichts Besonderes. (Gute Strategie, Menschen dazu zu bringen, meinen Blog zu lesen, nicht?) Ich hab mir den „Herrn derRinge“ gekauft (danke, Oma, für das Weihnachtsgeld) und das erste Buch (von sechs, nicht von drei) auch schon durchgelesen. Am Samstag war ich mit einer anderen deutschen Freiwilligen im Kino und am Sonntag habe ich mich mit einer bulgarischen Freundin getroffen und wir haben uns zwei Stunden lang nahezu ausschließlich auf Bulgarisch unterhalten (ja, ich bin auch beeindruckt). Mein Bulgarisch scheint recht gut zu werden, aber ich müsste mich mal dazu aufraffen, mehr zu sprechen, auch, wenn mein Gesprächspartner gut Englisch oder Deutsch kann. Mit meiner Mitbewohnerin zum Beispiel habe ich Ende letzten Jahres zum Beispiel ausgemacht, nur noch Bulgarisch zu sprechen, und das machen wir eigentlich auch, das Problem ist nur, dass wir (egal auf welcher Sprache) kaum miteinander reden. Es ist eigentlich ziemlich traurig, wenn man mal drüber nachdenkt. Und meist ist sie auch sowieso bei ihrem Freund oder mit ihren Freunden irgendwo. Na ja.

Aber mal zu etwas Fröhlicherem! In zwei Wochen fahre ich nach Eskişehir (Türkei) zu einem internationalen Jugendprojekt (es geht um Spiele). Und im März besuchen mich viele Menschen (also, wenn ihr auch noch vorbei kommen wollt, sucht euch am besten einen anderen Termin aus). So viel zu mir... bis nächste Woche! (Und entschuldigt die vielen Klammern!)

Kathi

Montag, 9. Januar 2012

Woran du merkst, dass du langsam zur Bulgarin wirst


10. Du sagst ständig "и..." (also) und "Lele!" (oh je).

9. Du beginnst bei den ersten Zeichen einer Erkältung sofort, jede Menge Knoblauch zu essen, weil es „gesund“ ist.

8. Du bist geübt im Umgang mit semi-legaler Software.

7. Du schaust automatisch drei Stunden vor deiner geplanten Duschzeit nach dem Temperaturanzeiger auf dem Boiler (und weißt, dass dessen Aussage misstrauisch zu betrachten ist).

6. Du isst mehrmals wöchentlich кюфте und/oder кебапче und wunderst dich nicht mehr darüber, dass in einem Hamburger statt Ketchup und Mayo Sirene ist.

5. Du gehst bei Zebrastreifen mehr oder weniger einfach los, im festen Glauben, dass die Autos für dich anhalten werden. (Und: Du läufst bei Rot über die Ampel.)

4. Du kannst dir eine Party ohne Rakia nicht mehr vorstellen.

3. Du weißt, wann "дабеда" "ja" bedeutet, und wann "nein".

2. Du kannst stundenlang in einem Café an der gleichen Tasse Kaffee sitzen.

Und das eindeutigste Zeichen, dass du zur Bulgarin wirst:

1. Du fängst langsam an, zu denken, dass Lieder wie dieses oder dieses gut klingen.

Dienstag, 3. Januar 2012

Boldog új évet!


Diese Woche war ich in Budapest. Jetzt bin ich wieder zu Hause. Ja, so fühlt es sich an. Als unsere letzte Mitfahrgelegenheit uns gegen 1 Uhr morgens am Theater abgesetzt hat und wir uns auf dem Weg zu meiner Wohnung gemacht haben, hatte ich wirklich das Gefühl, wieder da angekommen zu sein, wo ich hingehöre.

Äh, wie auch immer, zurück zu den Fakten. O. und ich sind ja schon vor drei Wochen per Anhalter zusammen nach Kazanlak zu dieser EVS-Party gefahren. Schon davor hatten wir beschlossen, über Silvester nach Budapest zu trampen – einfach, weil wir es können. Gegen 7 Uhr morgens kam O. also aus Istanbul in Sofia an (er hatte seine Familie in Eskişehir besucht). Ich habe ihn abgeholt, er hat seinen Koffer in meiner Wohnung abgestellt, wir haben gefrühstückt und uns Brote für unterwegs gemacht und sind los gen Westen, zum Rand der Stadt.

Hier kam das erste Problem: Wir haben den Bus 72 Richtung „ж. к. Западен Парк“ (Wohnviertel Westpark) genommen, weil ich wusste, dass von der Metrostation „Западен Парк“ ein Bus zu der Straße fährt, die aus der Stadt heraus führt. Leider befindet sich die Metrostation Westpark nicht, wie man annehmen würde, in der Nähe des Wohnviertels Westpark, sondern laut Google Maps ca. 2 km entfernt. Da konnten wir lange suchen... und das haben wir auch. Insgesamt bestimmt zwei Stunden oder so sind wir durch die Randbezirke Sofias gelaufen, immer im Kreis, und natürlich gab es niemanden, der Englisch sprach. Letztendlich haben wir eine Straßenbahn gefunden, die auch zu der gewünschten Straße fuhr, und standen gegen 11:30 Uhr endlich mit einem Schild „Видин“ am Wegesrand (A). So war übrigens unsere geplante Route:



Die Realität sah unwesentlich anders aus:


Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, aber nach nicht allzu langer Zeit hat uns ein Ehepaar mit nach Берковица (B) genommen, und von da aus ein junger Mann nach Монтана. Dort sind wir in einem Elektronikladen auf Toilette gegangen und haben wieder gewartet. Die Leute in Montana waren sehr nett und haben uns zugewinkt oder Handzeichen gemacht, „Ich bleibe in der Stadt“ usw. Schließlich hat uns ein Mann mitgenommen, der etwas Deutsch konnte, weil er LKW-Fahrer (heißt das so?) ist und zwei Mal im Monat nach Deutschland fährt. Seine Grammatik war desaströs, aber seine Kenntnisse waren ziemlich beeindruckend, wenn man bedenkt, dass er das nie in der Schule gelernt hat, sondern sich nur mittels Gesprächen mit Einheimischen selbst beigebracht hat.

Er setzte uns also in Vidin (C) ab, was ziemlich gut war, wäre die Grenze nach Rumänien nicht etwa 10 km entfernt vom Stadtzentrum... und laut unserem Fahrer gab es während der Feiertage auch keine LKWs o. Ä., die dorthin fuhren. Wir wollten aber nicht, wie von ihm vorgeschlagen, ein Taxi nehmen, sondern fragten lieber noch mal an einer Tankstelle nach. Die Frau an der Kasse war sich ziemlich sicher, dass es Autos geben würde, und so wagten wir es und stellten uns an die Autobahn. Es war eine sehr gut ausgebaute, moderne Straße, was uns aber leider auch nicht weiter half, denn es kamen wirklich kaum Leute vorbei. Ein paar Zigeuner, die mit ihrem Pferdewagen vorbei fuhren, fragten wir, ob wir an der richtigen Straße stünden, und sie bejahten. Dann konnten wir also nur noch warten... doch irgendwann tauchte ein alter Mann in einem winzigen, klapprigen Auto auf, der wohl nicht gerade gut Bulgarisch sprach, aber uns war es egal, wir wären mit praktisch jedem mitgefahren. Und er war nett: Er hat O. Eine Zigarette gegeben. Danke, verrückter alter Mann!

Der Mann hat uns bis zur Fährenauffahrt gebracht und ist dann wieder weggefahren; er wollte wohl woanders hin. Wir sind also zu Fuß durch die Grenzkontrollen gegangen, und natürlich gab es ein paar Probleme mit O.s Pass. Er hat eine Art Diplomatenpass, weil sein Vater für die Regierung arbeitet, aber weil er türkisch, d. h. nicht aus der EU ist, sind die Leute wohl etwas misstrauischer. Sie wollten sogar unser Gepäck durchsuchen, das haben sie aber am Ende doch nicht gemacht.

Die Fähre über die Donau (= die Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien) fährt nur, wenn sie auch voll ist, wir mussten dementsprechend lange warten. Leider fuhr niemand nach Timisoara, bzw. die zwei Laster, die dorthin fuhren, hatten keinen Platz für uns. Die Fahrer – einer übrigens deutscher Staatsbürger, der seit sieben Jahren in Bulgarien lebt, ziemlich cool – empfohlen uns, mit ihnen nach Craiova (D) zu fahren und dann den Zug nach Timisoara (E) zu nehmen, und nach langer Überlegung (für die wir aufgrund der Wartezeit leider genügend Zeit hatten) beschlossen wir, ihrem Rat zu folgen. Wir stiegen zu zwei Rumänen ins Auto, die sehr gut Englisch sprachen. Sie waren richtig nett! In Craiova halfen sie uns, einen Zug zu finden, wechselten Geld für uns und erklärten uns, wann wir wo in welchen Zug steigen mussten. Es war inzwischen 20 Uhr.

Der Zug fuhr um 23:50 Uhr. Wir hatten also genug Zeit, die Stadt zu erkunden – was aber etwas gefährlich war, wie uns gesagt wurde, weswegen wir den Bahnhof für nur etwa eine halbe Stunde verließen. Später erfuhren wir, dass die Stadt (und Südrumänien allgemein) so ziemlich der schlechteste Ort ist, um nachts gestrandet zu sein. Gut, dass wir nicht versucht haben, von dort weiterzutrampen!

Der Bahnhof in Craiova

Weil der Zug erst um 5:20 Uhr in Timisoara sein würde, beschlossen wir, unterwegs zu schlafen und dann morgens weiterzureisen. Das stellte sich als nicht ganz so einfach heraus, obwohl uns ein sehr netter Rumäne auf dem Weg zur Arbeit von einer Tankstelle mit an den Stadtrand nahm. Erst versuchten wir, ein Auto nach Arad zu finden, aber weil es noch dunkel war, hatten die Menschen wohl Vorbehalte, uns mitzunehmen (wahrscheinlich lag es teilweise auch daran, dass O. mit seinem vors Gesicht gezogenen Schal und der Kapuze wie ein islamistischer Terrorist aussah). Gegen 6:45 Uhr gaben wir vorerst auf und zogen uns für einen Kaffee in eine Tankstelle zurück. Dort erfuhren wir, dass es für den Weg nach Budapest besser wäre, über Szeged zu fahren.


Gegen 8 Uhr, als es langsam hell wurde, standen wir also an der Straße dorthin, und schon nach 20 Minuten nahm uns ein Mann mit Sohn in einem VW-Bus mit bis zu einem kleinen Dorf ca. 20 km vor der ungarischen Grenze. Dort hatten wir kaum Zeit, dieses Foto zu machen, als auch schon ein rumänisches Pärchen für uns anhielt.

 
Sie fuhren über Silvester nach Bratislava (Slovakei) und brachten uns bis nach Budapest (F), sogar fast ins Zentrum, sodass wir einfach die Metro zur Wohnung unserer Gastgeberin nehmen konnten. Wir mussten uns etwas durchfragen, aber es ging erstaunlich gut. Unglaublich, dass fast jeder in Budapest sehr gut Englisch spricht! Sogar die Verkäufer in Kiosks, Bäckereien, Ticketschaltern... fand ich super.

Aus der Wohnung kam uns gleich unsere Gastgeberin A. entgegen. O. hatte sie bei Couchsurfing gefunden. (Couchsurfing ist toll! Ihr solltet euch anmelden!) Sie wollte noch auf die fünf Polen warten, die ebenfalls bei ihr übernachten würden, also machten wir uns nach einem gemeinsamen Tee mit M. aus Rumänien (rechts auf dem Foto) auf zum Burgviertel.


Danach: Betrinken mit den Polen. Und zum Frühstück am nächsten Morgen gab's Vodka... danke für die Vorurteilsbestätigung, Leute. Insgesamt waren wir fünf Polen, eine Ungarin, eine Rumänin, ein Serbe, ein Brasilianer, ein Türke und eine Deutsche.

 
Ich weiß gar nicht mehr, was wir am 31. Dezember noch so gemacht haben... oder... ach ja, da sind wir zur Zitadelle gegangen. War auch ziemlich cool.


Abends waren wir dann bei der CouchSurfing-Party. Es war... okay. Ziemlich laut und heiß und so, und das ist ja eigentlich nichts für mich, und alle waren irgendwo anders verstreut. Ich weiß auch gar nicht, wann es genau 0 Uhr war, aber das schon in Ordnung. Ich hatte schlimmere Silvester. Gegen 2 Uhr sind dann J. (aus Polen) und ich wieder zu A.s Wohnung gegangen, weil er müde war und ich die Club-Atmosphäre ziemlich satt hatte. Wir mussten ja wach bleiben, weil die anderen keinen Schlüssel hatten, also haben wir geredet, die Küche aufgeräumt und angefangen, einen Film zu gucken. (Illegale Streamingseiten sind toll!) Zwischendurch war ich für ca. 20 Sekunden weg, um mir etwas zu trinken zu holen, und als ich wieder kam, war J. schon eingeschlafen... süß.

Der 1. Januar war ein ziemlicher Gammeltag. Wir sind spazieren gegangen und haben Zwetschkenknödel gegessen – für die meisten von uns zum ersten Mal. Die Dinger sind echt superlecker! Wenn ich kochen könnte, würde ich die glatt selbst mal machen. Aber vielleicht finde ich sie ja hier im österreichischen Supermarkt in der Tiefkühlabteilung.



Abends haben wir uns von den Polen verabschiedet, die mit dem Auto nach Krakau zurück gefahren sind, und noch einen Film angesehen. O. ist irgendwann gegen Anfang eingeschlafen und erst wieder aufgewacht, als ich ihn am nächsten Tag um 8 Uhr geweckt habe (und eigentlich wollten wir um 6 Uhr aufstehen... na ja).

Das übliche Programm wurde durchgezogen: Brote schmieren, Zettel mit einer Dankesnachricht da lassen, schauen, ob wir nichts vergessen haben (habe ich aber trotzdem... na ja) und auf zur Metro. Praktischerweise hatten wir aber nicht mehr genügend Forint (die ungarische Währung) für die Fahrkarten... und mussten noch spontan fünf Euro in einer Bank umtauschen. Die Reise zum Trampplatz war aber dank Hitchwiki kein großes Problem, und schon nach 25 Minuten nahm uns ein Ungare mit bis hinter Szeged (G). Das war mal ein typisches Beispiel dafür, warum Trampen toll ist. Wir haben uns super mit ihm über alles Mögliche unterhalten, ihn für CouchSurfing geworben und am Ende unsere E-Mail-Adressen ausgetauscht. Die Batterie meiner Kamera war leer, aber O. hat ein Foto mit seinem Handy gemacht; wenn ich es bekomme, stelle ich es hier noch rein.

Wir sind dann zu Fuß durch die Grenze nach Serbien gelaufen, was ziemlich witzig war (oder auch nicht – 5 km). Und danach wollte uns niemand mitnehmen; es fuhren auch nicht so viele Autos. Wir hatten ja die ganze Zeit auf einen türkischen LKW auf dem Weg nach Istanbul gehofft: O. hätte mit ihm Türkisch sprechen und er hätte uns bis Sofia mitnehmen können. Pustekuchen. Irgendwann kam ein Mann, der uns mit nach Subotica (H) genommen hat, wo mehr Autos fuhren. Aber auch dort mussten wir sehr lange warten, bis ein Serbe im Auto mit Wiener Kennzeichen (er sprach etwas Deutsch) uns mitnahm. Das war erfolgreicher: Er fuhr bis etwa 65 km hinter Belgrad und verließ dann die Autobahn. Wir stiegen an der Ausfahrt aus und waren optimistisch, was die Weiterfahrt anging; es war wurde zwar langsam dunkel, war aber erst 16:45 Uhr serbischer Zeit. Wir schrieben sogar „София“ auf unser Schild. Doch die Minuten, und schließlich eine Stunde vergingen, und niemand hielt an, obwohl gar nicht mal so wenige Autos dort vorbei kamen.

Langsam wurde uns mulmig bei der Sache. Wir wussten, dass die Straße direkt nach Niš führte, also musste doch jemand für unser Schild „Niš“ anhalten? Falsch gedacht. Es wurde ganz dunkel, wir waren mitten im Nirgendwo, mein Handy funktionierte im serbischen Netzwerk nicht, O. hatte kein Guthaben mehr, es war verdammt kalt und nirgendwo war eine Tankstelle oder Ähnliches zu sehen. Es war wirklich mal eine besondere Erfahrung... ich war jetzt nicht so missmutig, mir war auch nicht so kalt, nur meine Finger, weil ich meinen rechten Handschuh in Craiova vergessen hatte, aber O. war ziemlich fertig angesichts der Aussicht, die ganze Nacht an der Straße stehen zu müssen.

Aber unsere Retter nahten! Kurz nach halb 7 serbischer Zeit hielt ein VW-Bus mit Sofioter Kennzeichen an. Darin sechs bulgarische Studenten, fünf davon aus Sofia und einer davon: V. Aus Varna. Wir kannten ihn! Er war bei der Party in Kazanlak vor drei Wochen, weil er mit einer Freiwilligen aus Frankreich befreundet ist. Und jetzt alle: It's a small world, afterall... Es stellte sich heraus, dass die Gruppe (die übrigens von einem Kurztrip aus Bratislava zurück kehrte) die ganze Fahrt über schon Tramper mitnehmen wollte, aber keine gesehen hatte. Wir hatten so ein Glück... ich mag mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn sie nicht vorbei gekommen wären. Ich habe noch mal bei Google Maps nachgeschaut, wo wir waren. Wirklich am Popo des Balkans.


Wie auch immer! In Niš haben wir Halt gemacht und dieses typisch serbische Fleischzeug gegessen. Ich weiß nicht, wie es heißt (aber Wikipedia weiß alles), aber es ist so eine Art Riesenbulette in einem riesigen Brötchen und man kann sich selbst aussuchen, was für Soßen und Beilagen man dazu möchte, à la Döner. Für 2 € nicht schlecht.
Unterwegs hat O. geschlafen und ich mich mit V. unterhalten – auf Bulgarisch. Oh je. Es war aber gar nicht so schlecht. An der Grenze gab es wieder die obligatorischen Passprobleme für Nicht-EU-Bürger, aber das waren wir ja inzwischen gewöhnt. Gegen 0:45 Uhr waren wir dann wieder in Sofia, die Leute haben uns am Theater aussteigen lassen, wir haben uns bedankt und sind ab zu mir nach Hause. O. musste ja noch weiter nach Kyustendil, 80 km von Serbien entfernt, und hat deshalb noch auf meinem Sofa geschlafen (warum tippe ich immer Sofia?).

Und das war's eigentlich. Wir leben alle noch, sind um viele schöne und auch einige nicht so schöne Erfahrungen reicher und so dankbar für alles, was wir erlebt haben. Nochmals – auch wenn sie es hier nicht lesen können – vielen Dank an alle unsere Fahrer, unsere Gastgeberin A. und an alle, die uns auf irgendeine Art weiter geholfen haben, sei es der Bankangestellte, für den es kein Problem ist, nur 5 Euro zu tauschen, die Tankstellenleute, die uns viele gute Tipps gegeben und uns ihre Toiletten haben benutzen lassen, oder die Budapester Passanten, die uns mit ihrem perfekten Englisch durch die Straßen der Hauptstadt dirigiert haben. Благодаря, multumesc, köszönöm und хвала!

Ach ja: Was ich gelernt habe.
  1. Budapest ist eine wunderschöne Stadt.
  2. Es ist eine gute Idee, Euros bei sich zu haben, auch wenn sie in keinem Land, in das man reist, als Zahlungsmittel benutzt werden. Es ist einfach praktischer und leichter, Euros umzutauschen, als Leva in Lei oder Forint oder Dinar.
  3. Die Welt zu bereisen kann einen mehr bilden als jahrelanges Fakten Lernen. Non-formal education, anyone?
  4. Osteuropäische Männer rauchen. Ununterbrochen.
  5. Auch wenn wir aus verschiedenen Kulturkreisen kommen, verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Ansichtsweisen zu allen möglichen Themen haben, sind wir doch alle Menschen, die sich gegenseitig helfen. Nochmals: Die Welt ist bunt!
Eure Kathi